Energie-Glossar · N
Netzkuppelstelle
Eine Netzkuppelstelle ist ein Verbindungspunkt zwischen verschiedenen Netzbereichen, Regelzonen oder Ländern, über den Strommengen transportiert werden können. Grenzüberschreitende Leitungen (Interkonnektoren) sind Netzkuppelstellen im internationalen Sinne.
Belegt durch:acer.europa.eu 1acer.europa.eu 2entsoe.eu 3
Netze miteinander verbinden
Die wichtigsten Informationen zu Netzkuppelstelle
- Ermöglichen den Stromaustausch zwischen Regionen, Regelzonen und Ländern
- Handelskapazität wird per NTC-Verfahren oder lastflussbasiert berechnet und im Market Coupling implizit versteigert
- 70-Prozent-Regel: Mindestanteil der Übertragungskapazität muss dem zonenübergreifenden Handel zur Verfügung stehen (Art. 16 VO (EU) 2019/943)
- Engpasserlöse dienen vorrangig der Verfügbarkeit zugeteilter und dem Erhalt oder Ausbau grenzüberschreitender Kapazität
- Knappe Kuppelkapazitäten führen zu Preisunterschieden zwischen Gebotszonen
Wie funktioniert der Stromaustausch über Netzkuppelstellen?
Netzkuppelstellen ermöglichen Stromflüsse zwischen Netzbereichen. Richtung und Höhe hängen von Erzeugung, Nachfrage und dem vermaschten Netz ab; Wind oder Dunkelflaute allein bestimmen sie nicht. Für zonenübergreifenden Handel werden Kapazitäten etwa koordiniert mit NTC- oder lastflussbasierten Verfahren ermittelt. In gekoppelten Auktionen wird Kapazität gemeinsam mit Energie zugeteilt. Der kommerzielle Austausch ist von den physikalischen Flüssen auf einzelnen Leitungen zu unterscheiden; nicht jeder Markt oder Zeitraum nutzt dasselbe Vergabeverfahren.
Für längerfristige Absicherungen werden Übertragungsrechte über die europäische Vergabeplattform JAO auktioniert. Die Erlöse aus Engpässen dürfen die Netzbetreiber nicht frei verwenden: Vorrangige Zwecke sind die tatsächliche Verfügbarkeit zugeteilter Kapazität sowie Erhalt oder Erhöhung grenzüberschreitender Kapazitäten. Erst bei Erfüllung dieser Ziele kommt unter den regulatorischen Bedingungen eine Berücksichtigung bei Netzentgelten in Betracht.
Welche Rolle spielt die europäische 70-Prozent-Regel?
Artikel 16 der EU-Strommarktverordnung 2019/943 enthält eine Mindestanforderung von 70 Prozent für die dem zonenübergreifenden Handel verfügbare Kapazitätsmarge auf relevanten Netzelementen unter Berücksichtigung der Betriebssicherheit. Das ist keine Zusage, dass jede Grenzleitung jederzeit zu 70 Prozent physisch belastet wird. Übergangspfade mussten grundsätzlich bis Ende 2025 das Ziel erreichen; gesetzliche Ausnahmen und operative Sicherheitsanforderungen bleiben zu beachten. Interne Engpässe sollen nicht einfach durch Einschränkung des grenzüberschreitenden Handels behandelt werden.
Was bedeuten Kuppelkapazitäten für die Strompreise?
Kuppelkapazitäten sind für die Preisbildung hochrelevant: Reicht die Kapazität zwischen zwei Gebotszonen aus, können sich die Preise angleichen; bindende Kapazitätsrestriktionen können Preisunterschiede verursachen – die günstige Erzeugung der einen Zone kann die Nachfrage der anderen nicht erreichen. Genau hier setzt auch die Diskussion um eine mögliche Teilung der deutschen Strompreiszone an: Sie dreht sich im Kern um interne Netzengpässe zwischen dem windreichen Norden und den Lastzentren im Süden, die heute durch teuren Redispatch statt durch Preissignale bewirtschaftet werden. Eine Zonenteilung würde diese Engpässe in den Markt holen – mit regional unterschiedlichen Preisen als Folge.
Für Energieeinkäufer heißt das: Die Verfügbarkeit von Kuppelkapazität beeinflusst mittelbar das Preisniveau und die Volatilität am deutschen Markt. Import- und Exportflüsse gehören deshalb zu den Standardindikatoren jeder Marktbeobachtung.
Quellen & Verweise
- ACER — Kapazitäten für zonenübergreifenden Handel: Bericht 2025. acer.europa.eu · Abruf
- ACER — Congestion Revenues. acer.europa.eu · Abruf
- ENTSO-E — Single Day-Ahead Coupling. entsoe.eu · Abruf
Häufige Fragen zu Netzkuppelstelle
Was ist der Unterschied zwischen einer Netzkuppelstelle und einem Interkonnektor?
Ein Interkonnektor ist der Spezialfall einer Netzkuppelstelle: die grenzüberschreitende Verbindung zwischen zwei Ländern beziehungsweise Gebotszonen. Netzkuppelstellen im weiteren Sinne verbinden auch Regelzonen oder Netzbereiche innerhalb eines Landes.
Warum ist Strom in Nachbarländern manchmal deutlich billiger oder teurer als in Deutschland?
Weil die Kuppelkapazität begrenzt ist: Solange genug Kapazität verfügbar ist, gleicht das Market Coupling die Preise an. Ist die Grenze ausgelastet, entstehen Preisunterschiede – die günstige Erzeugung der einen Zone kann dann nicht mehr in die teurere exportiert werden.
Was besagt die 70-Prozent-Regel konkret?
Die 70-Prozent-Anforderung betrifft die verfügbare Kapazitätsmarge für zonenübergreifenden Handel auf relevanten Netzelementen unter Berücksichtigung der Betriebssicherheit. Sie meint weder 70 Prozent tatsächliche Auslastung jeder Grenzleitung noch eine garantiert verfügbare Importleistung. Gesetzliche Ausnahmen sind zu beachten.
Warum wird über eine Teilung der deutschen Strompreiszone diskutiert?
Weil interne Engpässe zwischen Nord und Süd heute nicht über Preise, sondern über teuren Redispatch bewirtschaftet werden, dessen Kosten alle Netznutzer tragen. Getrennte Preiszonen würden Knappheit regional sichtbar machen – mit tendenziell niedrigeren Preisen im Norden und höheren im Süden. Die Entscheidung ist politisch umstritten.
