Energie-Glossar · O

Oberschwingungen

Stand: Lesezeit ca. 2 Min.Verantwortlicher Fachprüfer: Jona LangenwalderQuellenabgleich mit KI-Unterstützung

Definition

Oberschwingungen sind Frequenzanteile im Stromnetz, die ein ganzzahliges Vielfaches der Grundfrequenz von 50 Hz darstellen, etwa 150 Hz oder 250 Hz. Sie entstehen durch nichtlineare Verbraucher und können über die Netzimpedanz auch die Spannungsform verzerren.

Belegt durch:electrical-installation.org 1fluke.com 2arera.it 3

Verzerrung der Wellenform

Netzfrequenz als BasisGrundschwingung
Ganzzahlige Vielfache der GrundfrequenzOberschwingungen
Messgröße und Normbezug beachtenBewertung
Schematische Einordnung; die im Text erläuterten Bedingungen und Abgrenzungen bleiben maßgeblich.[1]

Die wichtigsten Informationen zu Oberschwingungen

  • Verursacher sind nichtlineare Verbraucher wie Frequenzumrichter, Schaltnetzteile, LED-Treiber und Lichtbogenöfen
  • Spannungsqualität nach EN 50160 unter den jeweiligen Betriebs- und Auswertebedingungen bewerten
  • Folgen: erhöhte Verluste, Erwärmung von Kabeln, Transformatoren und Neutralleiter, Fehlauslösungen von Schutzeinrichtungen
  • Abhilfe schaffen aktive Filter, passive Saugkreise und eine saubere Netzaufteilung
  • Leistungselektronik macht eine passende Netzqualitätsplanung wichtig; die Emissionen sind geräteabhängig

Wie entstehen Oberschwingungen und welche Folgen haben sie?

Oberschwingungen entstehen, wenn nichtlineare Geräte einen nicht sinusförmigen Strom aufnehmen. Frequenzumrichter, Schaltnetzteile, LED-Treiber und Lichtbogenöfen können verzerrte Stromverläufe erzeugen – die dabei entstehenden Stromoberschwingungen erzeugen an den Impedanzen des Netzes Spannungsoberschwingungen, die sich auf alle angeschlossenen Verbraucher auswirken. Die Verzerrung wird mit dem Gesamtoberschwingungsgehalt (Total Harmonic Distortion, THD) gemessen: Er setzt die Quadratwurzel aus der Summe der quadrierten Effektivwerte der betrachteten Oberschwingungen ins Verhältnis zum Effektivwert der Grundschwingung.

Die Folgen sind vielfältig und oft schleichend: erhöhte Verluste im Netz, Erwärmung von Kabeln und Transformatoren, Fehlauslösungen von Schutzeinrichtungen und eine verkürzte Lebensdauer von Kondensatoren. Besonders kritisch ist der Neutralleiter: Die durch drei teilbaren Harmonischen (150 Hz, 450 Hz) heben sich in den Außenleitern nicht auf, sondern addieren sich im Neutralleiter – der dadurch stärker belastet werden kann als die Außenleiter selbst.

Welche Normen und Grenzwerte gelten?

Die EN 50160 beschreibt Merkmale der Versorgungsspannung im öffentlichen Netz. Die häufig genannte THD-Grenze von 8 Prozent ist im Zusammenhang mit Spannungsebene, Betriebsbedingungen und statistischer Auswertung zu lesen, nicht als universelle Momentanwertgrenze. Daneben enthält die Normenreihe EN 61000 unter anderem gerätebezogene Emissionsgrenzen sowie Mess- und Prüfverfahren.

Am Netzanschlusspunkt setzen zusätzlich die technischen Anschlussregeln des Netzbetreibers Grenzen, in der Niederspannung die VDE-AR-N 4100, in der Mittelspannung die VDE-AR-N 4110. Wer diese Grenzwerte überschreitet, kann vom Netzbetreiber zur Nachrüstung von Kompensationseinrichtungen verpflichtet werden – ein Punkt, der bei der Planung großer Leistungselektronik-Anlagen wie Ladeparks von Anfang an mitgedacht werden sollte.

Wie lassen sich Oberschwingungen messen und beheben?

Der erste Schritt ist immer die Messung: Ein Power-Quality-Analysator oder ein fest installiertes Netzqualitätsmessgerät erfasst THD, einzelne Harmonische, Flicker und Spannungsereignisse über einen repräsentativen Zeitraum. Erst mit diesen Daten lässt sich beurteilen, ob ein Problem vorliegt, welche Ordnungen dominieren und welche Verursacher infrage kommen. Typischerweise dominieren die 5. und 7. Harmonische (250 und 350 Hz), wie sie sechspulsige Gleichrichter in Frequenzumrichtern erzeugen; einphasige Schaltnetzteile steuern vor allem die 3. Harmonische bei, die den Neutralleiter belastet.

Für die Abhilfe stehen drei Ansätze zur Verfügung:

  • Aktive Filter messen die Netzverzerrung in Echtzeit und speisen gegenphasige Ströme ein, die die Oberschwingungen dynamisch kompensieren – flexibel, aber investitionsintensiv
  • Passive Saugkreise sind auf einzelne Harmonische abgestimmte LC-Glieder, die gezielt eine Frequenz absaugen – auf definierte Netz- und Lastbedingungen auszulegen
  • Eine saubere Netzaufteilung trennt empfindliche Verbraucher (Messtechnik, IT) von störenden Verbrauchern (Umrichter, Öfen) über getrennte Unterverteilungen oder eigene Transformatoren

Was bedeutet das für Unternehmen mit sensibler Technik?

Für Betreiber sensibler Produktionsanlagen und Rechenzentren lohnt sich ein dauerhaftes Power-Quality-Monitoring. Es kann schleichende Probleme sichtbar machen, und liefert belastbare Daten für Gespräche mit dem Netzbetreiber – etwa wenn strittig ist, ob eine Störung aus dem eigenen Netz oder aus dem öffentlichen Netz stammt.

Bei neuen Anlagen sollten Emissionsdaten und Netzanschlussbedingungen früh berücksichtigt werden. Moderne Regelung und Filter können Emissionen begrenzen; aus einer größeren Zahl leistungselektronischer Geräte folgt nicht automatisch eine kontinuierlich zunehmende Verzerrung. Kosten und Nutzen einer Maßnahme hängen vom konkreten Netz ab.

Quellen & Verweise

  1. Schneider Electric — Effects of harmonics – increased losses. electrical-installation.org · Abruf
  2. Fluke — Power Quality Analyzers – normbezogene Auswertung. fluke.com · Abruf
  3. ARERA / CEER — Voltage Quality – EN 50160 summary. arera.it · Abruf

Häufige Fragen zu Oberschwingungen

Woran erkenne ich, dass mein Betrieb ein Oberschwingungsproblem hat?

Warme Leiter, brummende Drosseln oder Fehlauslösungen können Hinweise sein, haben aber auch andere Ursachen. Eine fachgerecht geplante Netzqualitätsmessung muss die relevanten Betriebszustände erfassen; normbezogene Auswertungen benötigen den jeweils vorgeschriebenen Beobachtungszeitraum.

Wer haftet, wenn Oberschwingungen Geräte beschädigen?

Eine Grenzwertabweichung allein entscheidet noch nicht über Schadenersatz. Ursache, Anschlussbedingungen, Verantwortungsbereich und die rechtlichen Voraussetzungen müssen geklärt werden. Dokumentierte Messwerte helfen, Störungen aus der Kundenanlage von Einflüssen des vorgelagerten Netzes zu unterscheiden.

Lohnt sich ein aktiver Filter oder reicht ein Saugkreis?

Saugkreise sind sinnvoll, wenn eine einzelne Harmonische dominiert und die Lastsituation stabil ist. Aktive Filter passen sich wechselnden Lasten dynamisch an und kompensieren mehrere Ordnungen gleichzeitig – bei heterogenen, veränderlichen Verbraucherstrukturen sind sie meist die robustere Wahl. Die Messdaten entscheiden, welche Lösung wirtschaftlich ist.

Verursachen PV-Anlagen und Wallboxen Oberschwingungen?

Leistungselektronische Geräte können Oberschwingungsströme erzeugen. Emissionsarme Geräte und Filter reduzieren diese. Die Wirkung am Netzanschlusspunkt hängt auch von Netzimpedanz, Gleichzeitigkeiten und anderen Anlagen ab; Normkonformität eines einzelnen Geräts ersetzt keine Anlagenbewertung.

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