Energie-Glossar · M
Must-run-Kapazität
Must-run-Kapazitäten sind Kraftwerke oder Anlagen, die aus technischen, vertraglichen oder systemtechnischen Gründen auch bei Stromüberangebot nicht oder kaum abgeregelt werden können. Typische Beispiele sind KWK-Anlagen mit Wärmelieferpflicht und Kraftwerke, die für die Netzstabilität laufen müssen.
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Warum Erzeugung nicht frei abregelbar ist
Die wichtigsten Informationen zu Must-run-Kapazität
- Drei Hauptursachen: physikalische Mindestlast, Wärmelieferverpflichtungen und Systemdienstleistungen
- Must-run-Kapazitäten gelten als eine der strukturellen Ursachen negativer Strompreise
- Abhilfe: Wärmespeicher, Power-to-Heat, abgesenkte Mindestlasten und Systemdienstleistungen aus Batterien
- Weniger unflexible Erzeugung kann Überschüsse verringern; Preise hängen auch von Nachfrage, Exporten und Flexibilität ab
- KWK-Betreiber sollten prüfen, ob sich Flexibilisierung über vermiedene Negativpreisverluste refinanziert
Warum können Must-run-Kraftwerke nicht einfach abschalten?
Drei Ursachen können unflexiblen Betrieb begünstigen: technische Mindestlast thermischer Anlagen, gekoppelte Wärmelieferpflichten und bestimmte Systemdienstleistungen. Ein wärmegeführtes Heizkraftwerk kann ohne zusätzliche Wärmequelle oder Speicher an Stromerzeugung gebunden sein. Konventionelle Anlagen müssen für einzelne Regelleistungsprodukte oder netzstützende Eigenschaften in Betrieb bleiben. Diese Dienste erfordern aber nicht grundsätzlich fossile Erzeugung; geeignete Speicher und andere Anlagen können sie ebenfalls anbieten.
Diese Erzeugung reagiert also nicht oder kaum auf Preissignale. Trifft der unflexible Must-run-Sockel auf hohe Einspeisung aus Wind und Sonne, entsteht ein Überangebot, das die Börsenpreise drückt – bis ins Negative, wenn Erzeuger dafür zahlen, ihren Strom loszuwerden, weil Abschalten für sie noch teurer wäre. Hinter dem scheinbar irrationalen Verhalten stehen harte Kosten: Ein thermisches Kraftwerk komplett herunter- und wieder anzufahren verursacht Brennstoff-, Verschleiß- und Zeitkosten, die über mehrere Stunden negativer Preise hinweg höher sein können als die Verluste aus dem Weiterbetrieb.
Wie hängen Must-run-Kapazitäten mit negativen Strompreisen zusammen?
Unflexible Erzeugung kann bei hoher Wind- und Solareinspeisung und geringer Nachfrage negative Preise begünstigen. Die Bundesnetzagentur unterscheidet dabei netztechnisch erforderliche Mindesterzeugung vom weiteren konventionellen Erzeugungssockel, etwa aus Wärmebelieferung und Eigenversorgung. Weniger unflexible Erzeugung kann Überschüsse verringern; Häufigkeit und Tiefe negativer Preise hängen zugleich von Nachfrage, Exportmöglichkeiten und weiteren Flexibilitäten ab.
Für flexible Verbraucher und Speicherbetreiber sind Negativpreisstunden zugleich eine Chance: Wer Lasten in diese Stunden verschieben oder Speicher dann laden kann, kann bei passenden Markt- oder Lieferverträgen profitieren; Netzentgelte, Abgaben und Speicherverluste sind mitzurechnen. Das Verständnis des Must-run-Sockels hilft einzuschätzen, wie sich Häufigkeit und Tiefe solcher Preisphasen entwickeln dürften.
Die typische Konstellation für negative Preise sieht so aus: ein sonniger, windiger Feiertag mit geringer Nachfrage, hoher EE-Einspeisung – und darunter der Must-run-Sockel aus Heizkraftwerken, Anlagen mit Systemdienstleistungspflichten und Kraftwerken in Mindestlast. Da dieser Sockel nicht auf den Preis reagiert, muss der Preis so weit fallen, bis genügend flexible Nachfrage aktiviert oder flexible Erzeugung abgeschaltet ist. Ein größerer unflexibler Sockel kann diesen Druck verstärken; eine feste Beziehung zu Dauer oder Preistiefe besteht nicht.
Wie lässt sich der Must-run-Sockel verringern?
Die wichtigsten Hebel setzen an den drei Ursachen an:
- Wärmespeicher und Power-to-Heat in Fernwärmesystemen entkoppeln Strom- und Wärmeerzeugung – das Heizkraftwerk kann Strompausen einlegen, während der Speicher die Wärme liefert
- Abgesenkte Mindestlasten durch technische Nachrüstung erlauben es Kraftwerken, in Überschussphasen tiefer herunterzufahren
- Geeignete Wechselrichter und Batteriespeicher können Blindleistung und weitere Systemdienstleistungen übernehmen. Netzbildende Eigenschaften und entsprechende Regelung sind für einen Ersatz bestimmter stabilisierender Funktionen gezielt auszulegen; ein gewöhnlicher Wechselrichter ersetzt sie nicht automatisch.
Für Betreiber von KWK-Anlagen ergibt sich daraus eine konkrete Prüfaufgabe: Ob sich eine Flexibilisierung – typischerweise ein Wärmespeicher, ergänzt um Power-to-Heat – über die Vermeidung von Verlusten in Negativpreisstunden refinanziert. Mit zunehmender Zahl solcher Stunden verbessert sich die Rechnung tendenziell; Förderbedingungen, technische Grenzen und die Wärmeversorgung sind gesondert zu prüfen. Eine anlagenspezifische Wirtschaftlichkeitsanalyse auf Basis der eigenen Wärmelastgänge ist der richtige Startpunkt.
Quellen & Verweise
- Bundesnetzagentur — Mindesterzeugung und konventioneller Erzeugungssockel. bundesnetzagentur.de · Abruf
- Bundesministerium der Justiz — EEG § 51. gesetze-im-internet.de · Abruf
Häufige Fragen zu Must-run-Kapazität
Warum erzeugen Kraftwerke Strom, wenn der Preis negativ ist?
Weil Abschalten für sie noch teurer wäre: Anfahrkosten, Wärmelieferpflichten oder die Vorhaltung von Systemdienstleistungen binden sie an den Betrieb. Sie nehmen negative Preise in Kauf, solange die Alternativkosten höher liegen.
Sind auch Erneuerbare Teil des Must-run-Problems?
Förderregeln und fehlende Steuerbarkeit können auch erneuerbare Einspeisung preisunelastisch machen. § 51 EEG setzt den anzulegenden Wert in betroffenen negativen Viertelstunden auf null. Es gelten Ausnahmen für kleine Anlagen sowie Übergangsregeln für Bestandsanlagen; ein ausnahmsloser Förderwegfall ab der ersten Stunde ist falsch.
Wie kann ein KWK-Betreiber seinen Must-run-Betrieb reduzieren?
Vor allem durch Wärmespeicher und Power-to-Heat: Sie entkoppeln die Wärmelieferung von der Stromerzeugung, sodass die Anlage in Negativpreisstunden pausieren kann. Ob sich das rechnet, zeigt eine Wirtschaftlichkeitsanalyse auf Basis der eigenen Wärmelastgänge und der erwarteten Negativpreisstunden.
Wird der Must-run-Sockel in Zukunft kleiner?
Flexiblere Kraftwerke, Wärmespeicher und alternative Systemdienstleistungen können den unflexiblen Sockel senken. Wie stark er tatsächlich zurückgeht und wie Preise reagieren, hängt vom gesamten Anlagenpark, Wärmebedarf, Netz und Stromhandel ab.
